BLINDE IM INTERNET

Der Großteil an Informationen im Internet sind visueller Natur: Texte voller Informationen; Zeichen auf Buttons, die der Navigation dienen; Bilder zur Veranschaulichung von Personen und Gegenständen; Grafiken, die zu einer besseren Verständlichkeit beitragen und Markierungen, die Textpassagen unterstreichen.

Für blinde Personen stellt dieses ein eindeutiges Kommunikationsproblem dar. In den folgenden Passagen werde ich auf einige, der bereits vorhandenen (technischen) Lösungen für diese Personengruppe eingehen und Richtlinien für eine blindengerechte Website-Gestaltung vorstellen.

"Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden" (Artikel 3 des Grundgesetzes)

Dieses muß selbstverständlich auch für das Internet und die damit verbundenen Kommunikationswege gelten. Doch ist die – wie behauptet wird – basisdemokratischste Informationsquelle: das Internet, wirklich für alle zugänglich und erschließbar? Ist ein Blinder in der Lage, von den Einsatzgebieten des Internet – auch was den Bereich 'electronic Commerce' betrifft, zu profitieren?

Der Fortschritt in der Computertechnik bringt mit sich, daß der Trend immer stärker zu graphischen Oberflächen geht. Sehbehinderte und Blinde werden wieder mehr und mehr von der Nutzung aktueller Systeme ausgegrenzt, weil die bisherigen Hilfsmittel an diesen Benutzerschnittstellen nicht unbedingt einsetzbar sind.
Helga Parslow
parslow@darmstadt.gmd.de

Die einzelnen Lösungsansätze/technischen Hilfsmittel werden wie folgt gegliedert:
- sensitiv/haptisch
- akustisch
- virtuell

 

Sensitiv/Haptisch

Durch die Schriftdarstellung "Braille" sind Blinde in der Lage mit ihren Fingerkuppen zu lesen. Für die elektronische Kommunikation wurden spezielle Ausgabegeräte entwickelt, neben einem Brailledrucker natürlich die Brailletastatur.

Diese ermöglicht ein direktes Auslesen einer Bildschirmzeile (bzw. eines Teiles davon) durch die Umsetzung der ASCII-Zeichen. Eine Braillezeile besteht aus 40 oder 80 Modulen mit jeweils acht beweglichen Stiften.

Mit den Daumentasten der Braillezeile können sich Blinde unabhängig von der jeweiligen Anwendung über den Bildschirm bewegen, ohne den Hardcursor zu verändern. Sie haben auch die Möglichkeit, den Bildschirm zu teilen und Attribute auszulesen. Durch Druck auf eine der Cursor-Routing-Tasten bewegen Sie den Cursor auf das gewünschte Zeichen oder Element. In diesem Zusammenhang müssen jedoch noch zwei Faktoren erwähnt werden:

- nur ein geringer Teil der Betroffenen Personen sind in der Lage Braille zu lesen und
- derzeit kostet eine Braille-Zeile für einen Rechner ca. 25.000 DM.

 

Akustisch

Eine Informationsausgabe ist jedoch auch akustisch mittels eines Screenreaders (z.B. "Home Page Reader" von IBM) möglich. Screenreader setzen Text nicht als Sprache um, sie erzeugen synthetische Laute, die als Sprache verstanden werden. So können Blinde den Inhalt von WWW-Seiten und E-Mails vorlesen lassen.

Auch der umgekehrte Weg ist möglich. Das Softwareprodukt "ViaVoice Web" der Firma IBM ermöglicht eine Interaktion im Internet über Spracheingabe. Gleichermaßen kann das Schreiben und Versenden von E-Mails und anderen Nachrichten mittels Stimme erfolgen. Laut Hersteller IBM erkennt die Software 100.000 Wörter und bis zu 64.000 Wörter können zusätzlich eingegeben werden.

Hierbei muß bemerkt werden, daß die Installation dieser Software für eine behinderte Person nicht ohne Hilfe durchzuführen ist und das Programm erst die Sprache des Benutzers verstehen lernen muß.

Eine weitere Möglichkeit Emails zu verfassen ist durch Tonaufzeichung. Der Empfänger erhält dann eine Email mit einem "Wav" Attachment. Nachteilig ist hierbei die große Menge an Daten. Doch mit T-DSL (Übertragungsraten bis zu 768 kbit/s) und UMTS (Datenübertragungsrate von 2 MBit/s) sollten die Ladezeiten kein größeres Problem mehr darstellen.

"Barrieren" von blindengerechten Websitegestaltung
Damit diese Informationen "vorgelesen" werden können, müssen die Webseiten folgende Anforderungen erfüllen:

  • Grafiken
    Grafiken, die ohne einen Alternativtext unterlegt sind, haben für Blinde keine Aussagekraft, hier sollten die Bilder/Grafiken "versprachlicht" und mit einem beschreibenden Text eingebunden werden. Besonders Navigations-Elemente, wie Menü oder Schaltzeilen (mit Buttons) sollten durch Sprache angekündigt werden


  • Java und Javascript
    Dieses sind Programmiersprachen die, der unter Blinden meistverwendete, textbasierte Browser "LYNX" nicht interpretieren kann. Hier wird die Empfehlung ebenfalls eine "No Java"-Alternative anzubieten gegeben.

  • Frames
    Bei Frames wird die Bildschirmseite in mehrere Bereiche gegliedert. Jeder dieser Bereiche besteht aus einer Website. Dieses macht es dem Blinden schwer, sich durch die verschiedenen Ebenen zu navigieren. Hier sollte jede Frame-Seite mit einer "No Frames-Programmierung" unterlegt sein, die Blinde durch einen Link direkt auf die relevanten Informationen hinführt.

  • Abkürzungen
    Die einzelnen Buchstaben sollten jeweils mit einem Leerzeichen (Blank) voneinander getrennt sein, sonst identifizieren die Sprachausgabe-Werkzeuge diesen Buchstabenkomplex als ein Wort.

Bereits Mitte 1997 wurde vom World Wide Web Consortium (W3C) ein 'working draft' zu einer Audio Cascading Stye Sheets (A C C S) angekündigt. Diese style sheets sollen speziell auf die Notwendigkeiten beim Einsatz von audio basierten World Wide Web-Werkzeugen eingehen.

 

Akustischer Interaktionsraum
"ZIB – Zugang zum Internet für Blinde" ist ein Forschungsprojekt der Universität Oldenburg. Ziel des Projekts ZIB ist es, "durch eine stereophonische Ergänzung für Webbrowser in Verbindung mit StereoSoundcards die 'topografischen' Merkmale von Objekten auf grafischen Benutzungsoberflächen (z.B. Piktogramme und Fenster) in Kombination mit einem Screenreader für blinde und stark sehbehinderte Benutzer per Sprachausgabe oder mit einer Braille-Ausgabe zugänglich zu machen."

Die binaurale Wahrnehmungsfähigkeit von Geräuschen erlaubt dem Menschen, Geräusche in Richtung und Entfernung zu lokalisieren. Durch die stereophonische Darstellung von grafischen Objekten einer Benutzungsoberfläche kann ein blinder Benutzer in die Lage versetzt werden, diese Elemente auch aufgrund ihrer Position zu bewerten. Damit soll für diese Benutzergruppe die Möglichkeiten zur Navigation auf den heute vorherrschenden GUI (Graphical User Interfaces), wie sie auch als Webseiten im World Wide Web verwendet werden, erheblich verbessert werden. Außerdem wird die Anordnung der Information leichter wahrnehmbar und kann in Bezug auf ihren semantischen Gehalt ausgewertet werden.

 

Webfeature für akustisches Surfen
Eine Möglichkeit, sich die Inhalte von Internetseiten "erzählen" zu lassen ist mittels eines "sprechenden Reisebegleiters". Die Firma Datango bezeichnet sich selbst als "Navigations-Service Anbieter". Die Berliner Firma entwickelte eine Software-Plattform, die Web-Seiten Anbietern ermöglicht, von menschlicher Stimme geführte Touren auf Ihren Web Seiten anzubieten.

Durch diese Touren erhalten interessierte Besucher einen kurzen Überblick, welche Firma sich hinter der Web Seite verbirgt, was dort angeboten wird und was der Nutzen der angebotenen Produkte, Informationen oder Serviceleistungen ist. Besucher können auf diese Weise Seiten kennen lernen, ohne dass sie lesen, eine Auswahl treffen oder Links anklicken müssen.

Eine Interaktion mittels Spracheingabe ist bis zu diesem Zeitpunkt mittels dieser Software noch nicht möglich. Leider ist diese auch in absehbarer Zeit, laut Auskunft eines Datango-Mitarbeiters aufgrund von fehlenden Kosten-Nutzen-Perspektive nicht geplant.

 

Weitere Features
Bei meiner Recherche habe ich leider keine Informationen über die Verwendungsmöglichkeit für Blinde von Internet spezifische Programme z.B zur Übersetzung ("Bubblefish" und "Babylon"), zum Nachschlagen (Weblexika) oder zur Interaktion mit Freunden (sog. BuddyLists wie z.B. "ICQ") gefunden. Auch bei diesen nützlichen Zusatzprogrammen sollte diese Personengruppe nicht ausgeschlossen werden.

 

Virtuell

Der Datencowboy Chase in Wiliam Gibsons Science Fiction Roman"Neuromancer" loggt sich direkt in das Cyberspace ein. Vielleicht können die Datensurfer der (fernen) Zukunft dies auch mittels "Kopfsteckers" oder "Rückenmarkanschluß" in eine virtuelle Welt begeben in der das "Sehen" mit Augen überflüssig wurde. Diese Vorstellung beschäftigt Menschen nicht erst seit den Filmen Matrix und David Cronenberg’s "Creature". Bereit vor mehr als 20 Jahren wurde in dem Film "Projekt Brainstorm" eine die fiktive Möglichkeit aufgezeigt, Sinne wie Sehen, Riechen, Schmecken und Fühlen auf einen Speichermedium zu übertragen und anderen Personen so zugänglich zu machen.

Allerdings könnte die Findung einer "Sehprotese" als wahrscheinlicher eingestuft werden, als diese futuristische Lösung. Doch wer weiß, wohin sich das, was wir heute Internet nennen, entwickelt. To be continued ...

 

Quellen:

Helga Parslow: WWW-Design für Sehbehinderte
http://www.teamone.de/selfaktuell/artikel/blinde.htm

BiGuB-Arbeitskresi "Barrierefreies Internet"
http://www.bigub.de

Datango
http://www.datango.de

Universität Oldenburg
http://www-cg-hci.informatik.uni-oldenburg.de

IBM
http://www.ibm.com